Wenn Infografik zu Kunst wird

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Infografiken gehören zum Tagesgeschäft einer Designagentur. Schon deshalb fanden wir es spannend, dass das Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt diesem Thema eine ganze Ausstellung widmen wollte. Wir sollten für “Gemalte Diagramme. Bauhaus, Kunst und Infografik” einen Trailer und einen Einführungsfilm produzieren, der auch in der Ausstellung zu sehen ist. Und natürlich haben wir es uns als Infografik-Spezialisten nicht nehmen lassen, bei der Eröffnung vorbeizuschauen.

Diagramme sind allgegenwärtig

Wer ist in seinem Leben noch nie Diagrammen begegnet? Eine negative Antwort ist einfach undenkbar, vor allem in einer Zeit, wo wir von Informationen jeglicher Art und auf unterschiedlichen Kanälen überflutet werden. Diagramme sind visuelle Zusammenfassungen, die komplexe Daten und Statistiken zeigen und Verhältnisse darstellen. Das Wort Diagramm stammt aus dem Griechischen (diágramma) und bedeutet “Zeichnen durch Schreiben”. Dieses Bedürfnis, den Überblick durch Schematisierungen zu behalten, ist genauso alt wie die Menschheit.

Diagramme sind nicht nur nützliche Instrumente, die Informationen in Bildern übersetzen und zugänglicher machen. Sie prägen auch unsere Wahrnehmung über die angesprochenen Themen. Zahlen an sich sind reine Mengenangaben, doch auch der zeitliche und räumliche Kontext ist wichtig.

Zwei Welten treffen aufeinander

Die Ausstellung “Gemalte Diagramme. Bauhaus, Kunst und Infografik” des Museums für konkrete Kunst in Ingolstadt untersucht die Parallelen zwischen Kunst und Diagrammen. Passen diese zwei Welten überhaupt zusammen? Ein Diagramm ist etwas Striktes, das auf Zahlen beruht und mit geraden Linien und Formen dargestellt wird. Die Malerei wird dagegen mehr mit einer subjektiven und formfreien Schöpfung assoziiert. Diese Ausgangsfrage führt natürlich zu anderen. Das Verhältnis zwischen den zwei “Sprachen” wird nicht nur unter einer ästhetischen Stichweise betrachtet, es werden insbesondere inhaltliche Fragestellungen formuliert. Die Ausstellung präsentiert 30 internationale Künstler*innen, die sich mit Diagrammen beschäftigt haben oder deren Kunst sich Diagrammen annähert. Einige Arbeiten haben uns so gut gefallen, das wir sie später im Einzelnen vorstellen.

Die ausgestellten Arbeiten geben Situationen, Trends, Fakten, Zahlen auf ironische, willkürliche oder sachliche Art wieder. Oft geben sie keine Antworten, sie fordern auch keine konkrete Stellungnahme, sondern lassen die Betrachter*innen ahnungslos, besorgt, nachdenklich oder lachend zurück. Raum finden auch die Infografiken des Magazins Fokus oder die für die Ausstellung angefertigten satirischen Grafiken der Kolumnistin Katja Berlin, die sogenannten “Torten der Wahrheit”. Viele der ausgestellten Künstler*innen beschäftigen sich mit Politik, der Gesellschaft oder dem ökonomischen System, wie z.B. Maja Bajevic, Andreas Siekmann & Alice Creischer oder Ariamna Contino & Alex Hernández.

Ein Schwerpunkt: die Arbeitswelt

Die in Sarajevo, also dem ehemaligen Jugoslawien geborene Künstlerin Maja Bajevic setzt sich mit den Themen Globalisierung und Neoliberalismus auseinander. Mit den Werken “Arts, Crafts and Facts (Financial Profits, Corporate Profits, S&P, Employment)” und “Arts, Crafts and Facts (Distribution of Wealth, Top 5%, Top 20%, Second 20%, Third 20%, Bottom 20%, Fourth 20%)”, beide von 2017, stellt Maja Bajevic das Paradox der Arbeit dar: Durch die Technik der Stickerei auf Baumwolle gibt sie der handgemachten Arbeit im klassischen Sinne wieder Bedeutung. Andererseits präsentiert sie die harten Fakten ökonomischer Wirklichkeit: zunehmende Geschwindigkeit, Börsenentwicklungen und virtuelle Güter.

Andreas Siekmann & Alice Creischer betrachten in der Serie “Einstellung zur Arbeit 72” (2012-2018) aktuelle ökonomische Prozesse. Mit Piktogrammen werden verschiedene Aspekte der Arbeit in 17 Städten – von Moskau bis Buenos Aires – präsentiert: Neben Angaben zur Einwohnerzahl oder Lebens- und Arbeitsbedingungen werden auch lokale Besonderheiten wiedergegeben. Für Rio de Janeiro wird die Anzahl der wegen der Olympischen Spiele zwangsgeräumten Einwohner dargestellt. In Berlin wird die De-Industrialisierung als Folge der Wiedervereinigung illustriert.

Wissenschaft im Blickpunkt

Die minimalistische und saubere Schönheit der Scherenschnitte aus der Werkserie “Militancy Aesthetics” (2016)  von Ariamna Contino & Alex Hernández verzaubert von fern. Dabei behandeln sie harte Themen wie Mordstatistiken in den USA oder Entwicklungsraten von Genoziden. Es fühlt sich an wie eine Faust im Bauch, wenn der Schrecken so genau quantifiziert und ästhetisch präsentiert wird.

Wie Margaret Camilla Leiteritz in ihrer Serie“Gemalte Diagramme” fokussieren sich auch andere Künstler*innen auf wissenschaftliche Themen. Die Arbeit “The name on the tip of the tongue” (2018) von Lucía Simón Medina kombiniert die Ergebnisse des ersten chiffrierenden Systems mit öffentlichem Schlüssel (RSA) mit der sogenannten “Goldbachschen Vermutung”, einem der bekanntesten ungelösten Probleme der Mathematik.

Ein Highlight der Ausstellung ist die Installation “Orange Grid” (2019) von Channa Horwitz (s. Foto). Dort können die Besucher*innen in ein Diagramm aus Millimeterpapier und schwarzen Balken hineingehen und ein 3D-Erlebnis erfahren. 

Privat und politisch

Manchmal sind die Perspektiven der Künstler*innen sehr persönlich oder willkürlich. Ein Beispiel dafür ist das Werk “2174 Stimmungsschwankungen” (2015) von Nick Koppenhagen. Dafür hat der Künstler mit selbst gezeichneten Diagrammen seine Gemütsverfassung ein Jahr lang jede drei Stunden dokumentiert.

Die Installation “Collective Time (Top 7 Film-Genres)” (2010) von Jorinde Voigt besteht aus 80 Aluminium-Stangen. Die Künstlerin hat eine Auswahl der erfolgreichsten Kinofilme eines Genres ausgesucht, u.a. “Vom Winde verweht“, “Lawrence von Arabien” und “Der Soldat James Ryan”, und hat die Länge mit dem Erfolg des Films in direkten Zusammenhang gestellt.

Das Künstler-Duo Böhler und Orendt visualisiert mit dem Werk “Die Verhältnisse” (2011) Begriffe wie Schutzbedürftigkeit, Ausbeutung, Gestaltungswille oder Urteilskompetenz in 24 Tortendiagrammen aus Abfallholz. Unterschiedliche Farben der Kreissegmente stellen die Verhältnisse dar, aber welche genau, das erfährt man nicht. Das Fehlen jeglicher Art realer oder fiktiver Informationen in Form einer Legende lässt das Publikum seine eigene Interpretation einbringen.

Kurz gesagt: Alle zusammen sind ein Konglomerat von sehr gutem food for thought, dessen Inhalt ziemlich nah am Puls der Zeit ist. Habt ihr Appetit bekommen, mehr darüber zu erfahren und alle anderen Kunstwerke zu sehen? Na dann, ab nach Ingolstadt! Es ist noch Zeit bis zum 29.09.19.

Fotocredits:

Titelbild: Fotograf: Hubert P. Klotzeck, Kunstwerk: Channa Horwitz

Übrige v.o.n.u.v.l.n.r.: Fotograf: Hubert P. Klotzeck, Kunstwerke: Channa Horwitz, Margaret Camilla Leiteritz, Böhler und Orendt, Lucía Simón Medina, Katja Berlin

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